Eine außergewöhnlich frühe Störung des arktischen Polarwirbels zeichnet sich in den aktuellen Wettermodellen ab. Sämtliche 50 Ensemble-Prognosen des europäischen Wetterzentrums ECMWF zeigen inzwischen eine mögliche Umkehr der Höhenwinde bis zum 12. November. Sollte sich das Szenario bestätigen, könnte eine ungewöhnlich frühe stratosphärische Erwärmung bevorstehen – mit möglichen Auswirkungen auf die Winterentwicklung in Europa.
Außergewöhnliches Signal in den Wettermodellen
Die aktuellen Berechnungen von PolarVortex.earth zeigen ein bemerkenswertes Szenario: In der ECMWF-Haupt-Ensembleprognose vom 29. Oktober 2026 sagen alle 50 Einzelberechnungen eine Umkehr der Winde rund um den arktischen Polarwirbel bis zum 12. November voraus.
Auch das KI-gestützte ECMWF-Modell AIFS signalisiert eine erhebliche Wahrscheinlichkeit. Dort zeigen 39 von 50 Berechnungen eine entsprechende Windumkehr.
Zum Vergleich: Im Referenzzeitraum von 1991 bis 2020 wurde eine solche Entwicklung bis zum 12. November in keinem der 30 untersuchten Jahre registriert.
Die Hauptprognose des ECMWF deutet auf eine besonders starke Abschwächung hin. Die Windgeschwindigkeit in der mittleren Stratosphäre könnte am 9. November auf etwa minus 4,9 Meter pro Sekunde fallen. Damit würden die normalerweise vorherrschenden Westwinde in Ostwinde übergehen.
Was bedeutet eine solche Windumkehr?
Der Polarwirbel ist ein großräumiges Windsystem über den Polarregionen. Während des Winterhalbjahres hält seine Zirkulation einen großen Teil der extrem kalten Luft in der Arktis.
Wird dieser Wirbel deutlich geschwächt oder aufgespalten, kann sich die atmosphärische Zirkulation verändern. Eine besonders ausgeprägte Störung kann mit einer sogenannten plötzlichen Stratosphärenerwärmung (Sudden Stratospheric Warming, SSW) verbunden sein.
Dabei steigen die Temperaturen in der Stratosphäre innerhalb kurzer Zeit stark an. Gleichzeitig können sich die Winde in rund 30 Kilometern Höhe abschwächen oder sogar ihre Richtung umkehren.
Eine solche Entwicklung kann die Wetterlage in den mittleren Breiten beeinflussen. Die Auswirkungen erreichen die bodennahe Atmosphäre allerdings nicht zwangsläufig und häufig erst mit einer Verzögerung von mehreren Wochen.
Welche Folgen könnte das für Europa haben?
Sollte sich die prognostizierte Störung tatsächlich entwickeln und bis in tiefere Atmosphärenschichten durchsetzen, könnte sich die Wahrscheinlichkeit für blockierende Hochdruckgebiete über Teilen der Arktis und Nordatlantiks erhöhen.
Dadurch könnten sich die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete und die großräumige Strömung über Europa verändern.
Mögliche Folgen wären:
Häufigere nördliche oder nordöstliche Strömungen in Teilen Europas.
Erhöhte Wahrscheinlichkeit für Kaltluftvorstöße aus arktischen Regionen.
Veränderungen der Niederschlags- und Schneewahrscheinlichkeit.
Länger anhaltende Hochdrucklagen mit regionalen Temperaturgegensätzen.
Für Mitteleuropa und den Alpenraum wäre insbesondere interessant, ob sich im weiteren Verlauf eine blockierende Wetterlage entwickelt, die kontinentale Kaltluft nach Mitteleuropa lenken könnte.
Ein unmittelbar bevorstehender Kälteeinbruch lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Eine gestörte Stratosphäre bedeutet nicht automatisch einen kalten Winter oder flächendeckenden Schneefall.
Besonders ungewöhnlich: Möglicherweise früheste größere Erwärmung seit Beginn der Aufzeichnungen
Nach Angaben von PolarVortex.earth wurde seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen im Jahr 1959 keine größere stratosphärische Erwärmung vor dem 28. November registriert. Als frühere Ausnahmen werden die Jahre 1968 und 2025 genannt.
Sollte das aktuelle Szenario eintreten, könnte die Entwicklung im November neue Maßstäbe für den Zeitpunkt einer solchen Störung setzen.
Allerdings handelt es sich derzeit um Modellprognosen und nicht um ein bereits eingetretenes Ereignis. Auch die Ensemblewerte sind keine kalibrierten Eintrittswahrscheinlichkeiten: Sie zeigen zunächst, wie viele einzelne Modellläufe das jeweilige Szenario berechnen.
Die kommenden Wochen werden entscheidend
Die weitere Entwicklung sollte aufmerksam beobachtet werden. Besonders wichtig wird sein, ob die prognostizierte Windumkehr tatsächlich eintritt, wie stark sich die Stratosphäre erwärmt und ob die Störung anschließend bis in die Troposphäre durchgreift.
Auch die weitere Entwicklung des prognostizierten Super-El-Niño könnte die großräumige Winterzirkulation beeinflussen. Wie sich beide Faktoren gegenseitig auswirken, bleibt jedoch offen.
Fazit: Die aktuellen ECMWF-Berechnungen zeigen ein außergewöhnliches Signal für eine mögliche frühe Störung des arktischen Polarwirbels. Sollte sich die Prognose bestätigen, könnte dies die atmosphärischen Voraussetzungen für markante Wetterlagen im weiteren Verlauf des Winters 2026/2027 verändern. Ob daraus tatsächlich eine winterliche Kältephase in Europa entsteht, werden erst die kommenden Wochen zeigen.
Quellen und weitere Beobachtung:
Polarwirbel-Live-Monitor: https://www.polarvortex.earth/
Ensemble-Auswertungen: https://www.polarvortex.earth/ensemble
Hintergrundanalyse zur prognostizierten Polarwirbel-Störung: https://www.severe-weather.eu/global-weather/polar-vortex-split-record-early-stratospheric-warming-event-november-2026-united-states-canada-europe-fa/
Datenstand: 29. Oktober 2026. Prognosen können sich mit neuen Modellläufen erheblich verändern.

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